
Diesen Satz habe ich schon oft in meinen Kunden-Interviews gehört. Es überrascht mich immer wieder, wie wenig Interesse die Leute ihrer Person oder ihrem Spezialgebiet zutrauen. Sie denken, dass alles, was für sie alltäglich ist, andere langweilen könnte. Dabei sind es die scheinbar banalen Dinge, die aus einer nüchternen Beschreibung eine lebendige Geschichte machen.
Bei einem festen Fragenkatalog à la Briefing hingegen wird jegliche Spontanität im Keim erstickt. Was soll schon Überraschendes kommen, wenn man Punkt für Punkt seine Liste abarbeitet – am besten noch schriftlich? Das ist eine lästige Pflicht, die man am liebsten schnell hinter sich bringt. Doch bei einem entspannten Gespräch mit einem aufmerksamen Zuhörer öffnen sich die Menschen.
Ich gehe nicht mit vorgefertigten Fragen in meine Interviews, sondern lasse die Person reden. Sobald ich etwas Spannendes herausgehört habe, hake ich nach. Mir geht es um Details, die nicht auf der Website oder in einer Broschüre stehen. Denn Fakten zusammentragen, das kann jeder. Interessant ist, was nur in den Köpfen der Menschen steckt und noch nirgendwo niedergeschrieben ist – und genau das ist mein Material.
Natürlich kann man nicht einfach schweigend dasitzen, in der Hoffnung, dass schon irgendwann das Richtige kommt. Man muss seinem Gegenüber zeigen, dass man neugierig ist – aber vor allem, dass man sich für seinen Bereich begeistern kann. Es erstaunt mich immer wieder, welche Themen mich auf einmal faszinieren können. Darum muss ich auch nie Interesse vorheucheln. Es kommt von ganz allein.
Spürt der Interview-Partner diese echte Begeisterung, beginnt er aufzutauen. Er schaut nicht krampfhaft auf die Uhr, wann das Gespräch endlich beendet ist. Ganz im Gegenteil: Ich erlebe immer wieder, dass selbst Menschen, deren Zeit knapp ist, gar nicht mehr aufhören wollen zu reden. Dennoch muss ich sie unterbrechen, weil ich meist schon mehr schönes Material habe, als ich überhaupt verwenden kann.
Genau das ist die Kunst: Aus der Transkription eines Gesprächs von bis zu einer Stunde oder länger die Rosinen herauszupicken, die sich zu einer in sich stimmigen, kurzweiligen Geschichte verdichten lassen. Dafür muss ich das Aufgezeichnete viele Male durchgehen, Unwichtiges streichen und Interessantes in eine ansprechende und logisch aufgebaute Form bringen.
Wenn das Erzählte nicht als Artikel, sondern als Interview erscheinen soll, muss oft die Reihenfolge verändert werden. Die Gespräche sind selten linear, weil das Gegenüber gedanklich hin und her springt – nicht nur thematisch, sondern auch chronologisch. Dann braucht es fließende Übergänge, die so klingen, als wäre die Unterhaltung genau so abgelaufen.
Mir ist auch wichtig, dass das Gesagte nicht zu sehr glattgezogen wird. Natürlich eliminiere ich Grammatikfehler oder abgebrochene Sätze. Aber Dialektwörter oder ungewöhnliche Ausdrucksweisen lasse ich stehen, da sie authentisch und sympathisch wirken. Daran erkennt der Leser, dass es sich nicht um ein fingiertes Interview, sondern um ein echtes Gespräch zwischen zwei realen Personen handelt. Solche Texte haben Aussagekraft und Inhalt – und sind unkopierbar.
Wenn ich dann von meinem Gesprächspartner eine begeisterte Rückmeldung bekomme, weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe.
Foto von Greg Rosenke auf Unsplash