Konzeption & Text. Sandra Cremer




„Das interessiert doch keinen!“

12. März 2026
Frau auf einem Hochseil über einer Ortschaft balancierend

Diesen Satz habe ich schon oft in meinen Kunden-Interviews gehört. Es überrascht mich immer wieder, wie wenig Interesse die Leute ihrer Person oder ihrem Spezialgebiet zutrauen. Sie denken, dass alles, was für sie alltäglich ist, andere langweilen könnte. Dabei sind es die scheinbar banalen Dinge, die aus einer nüchternen Beschreibung eine lebendige Geschichte machen.

Bei einem festen Fragenkatalog à la Briefing hingegen wird jegliche Spontanität im Keim erstickt. Was soll schon Überraschendes kommen, wenn man Punkt für Punkt seine Liste abarbeitet – am besten noch schriftlich? Das ist eine lästige Pflicht, die man am liebsten schnell hinter sich bringt. Doch bei einem entspannten Gespräch mit einem aufmerksamen Zuhörer öffnen sich die Menschen.

Ich gehe nicht mit vorgefertigten Fragen in meine Interviews, sondern lasse die Person reden. Sobald ich etwas Spannendes herausgehört habe, hake ich nach. Mir geht es um Details, die nicht auf der Website oder in einer Broschüre stehen. Denn Fakten zusammentragen, das kann jeder. Interessant ist, was nur in den Köpfen der Menschen steckt und noch nirgendwo niedergeschrieben ist – und genau das ist mein Material.

Natürlich kann man nicht einfach schweigend dasitzen, in der Hoffnung, dass schon irgendwann das Richtige kommt. Man muss seinem Gegenüber zeigen, dass man neugierig ist – aber vor allem, dass man sich für seinen Bereich begeistern kann. Es erstaunt mich immer wieder, welche Themen mich auf einmal faszinieren können. Darum muss ich auch nie Interesse vorheucheln. Es kommt von ganz allein.

Spürt der Interview-Partner diese echte Begeisterung, beginnt er aufzutauen. Er schaut nicht krampfhaft auf die Uhr, wann das Gespräch endlich beendet ist. Ganz im Gegenteil: Ich erlebe immer wieder, dass selbst Menschen, deren Zeit knapp ist, gar nicht mehr aufhören wollen zu reden. Dennoch muss ich sie unterbrechen, weil ich meist schon mehr schönes Material habe, als ich überhaupt verwenden kann.

Genau das ist die Kunst: Aus der Transkription eines Gesprächs von bis zu einer Stunde oder länger die Rosinen herauszupicken, die sich zu einer in sich stimmigen, kurzweiligen Geschichte verdichten lassen. Dafür muss ich das Aufgezeichnete viele Male durchgehen, Unwichtiges streichen und Interessantes in eine ansprechende und logisch aufgebaute Form bringen.

Wenn das Erzählte nicht als Artikel, sondern als Interview erscheinen soll, muss oft die Reihenfolge verändert werden. Die Gespräche sind selten linear, weil das Gegenüber gedanklich hin und her springt – nicht nur thematisch, sondern auch chronologisch. Dann braucht es fließende Übergänge, die so klingen, als wäre die Unterhaltung genau so abgelaufen.

Mir ist auch wichtig, dass das Gesagte nicht zu sehr glattgezogen wird. Natürlich eliminiere ich Grammatikfehler oder abgebrochene Sätze. Aber Dialektwörter oder ungewöhnliche Ausdrucksweisen lasse ich stehen, da sie authentisch und sympathisch wirken. Daran erkennt der Leser, dass es sich nicht um ein fingiertes Interview, sondern um ein echtes Gespräch zwischen zwei realen Personen handelt. Solche Texte haben Aussagekraft und Inhalt – und sind unkopierbar.

Wenn ich dann von meinem Gesprächspartner eine begeisterte Rückmeldung bekomme, weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe.

Foto von Greg Rosenke auf Unsplash

Anfangen

9. Februar 2026

Vor kurzem habe ich auf meinem Rechner eine alte Datei namens „Anfangen“ wiederentdeckt. Wie so viele Male in den letzten 14 Jahren. Doch diesmal habe ich nicht einfach drübergescrollt, sondern sie geöffnet. Todesmutig! Denn in diesem Dokument steckt nicht weniger als ein angefangenes Buch. Will heißen von mir verfasst.

Warum mich das Öffnen so viel Mut gekostet hat? Weil darin meine nackige, verwundbare Seele liegt.

Wie so viele (oder alle?) Texter habe ich lange davon geträumt, Schriftsteller zu werden. Und ich habe auch einen Versuch gestartet. Nämlich genau diesen, der noch immer in meinem Ordner „Privat“ vor sich hindümpelt. Genauso wie das handgeschriebene Manuskript an wechselnden Orten vor sich hinbleicht. Ein ziemlicher Packen für ein abgebrochenes Projekt.

87 Seiten sind es in Word. Aber das ist nur der Teil, den ich eingetippt habe. Im Manuskript steht noch mehr – mittlerweile vermutlich kaum noch lesbar.

Irgendwann während des Schreibens haben mich die Zweifel gepackt. Es gibt doch schon so viele mittelmäßige Bücher, braucht es da wirklich noch eins von dir?

Ob mein „Anfangen“ gut ist oder nicht – diese Frage wird sich niemals objektiv klären lassen. Denn niemand hat diese Seiten bisher gelesen. Nicht einmal ich selbst. Bis zu jenem todesmutigen Moment.

Ich war schon darauf eingestellt, dass ich selbst vor Scham erröte über den Unsinn, den ich vor 14 Jahren geschrieben habe. Wie ich hastig die Datei schließe und froh bin, dass ich diesen Schwachsinn niemand gezeigt habe.

Aber dann fing ich an zu lesen und war fasziniert. Ich wusste ja selbst nicht mehr, was in meinem „Buch“ passiert. Denn es war noch sehr roh – ein buntes Sammelsurium von Geschichten, die ich irgendwann zu einer zusammenfügen wollte.

Falls ihr jetzt denkt, dass ihr mich dazu ermutigen sollt, mein Werk fertigzubringen und es zu veröffentlichen – Fehlanzeige. Es soll genau da bleiben, wo es ist. Ich werde es nicht löschen und nicht wegwerfen. Aber lesen wird es trotzdem niemand. Das bleibt mein süßes Geheimnis.


Mein erster Beitrag auf Substack.

Achtsam texten

15. Januar 2026

Ich habe neulich schon einmal dazu auf LinkedIn gepostet, aber das Thema lässt mich nicht los. Es geht um Effizienz. Bisher war Effizienz etwas, das ich eher mit Maschinen und Prozessen in Verbindung gebracht habe, aber nie mit meiner Arbeit. Seit dem Siegeszug der KI sprechen alle davon, wie viel effizienter sie uns angeblich macht. Weil wir nur noch die Dinge tun müssen, die sie nicht übernehmen kann. Alle lästigen Routinetätigkeiten drum herum: einfach weg. Was bleibt, ist nur der kreative Teil.

Irgendwie hat mir der Effizienzgedanke von Anfang an Bauchschmerzen bereitet. Dieser Widerwille hat sich im Rahmen einer Fortbildung noch verstärkt. Denn dort wurde propagiert, dass man möglichst alles automatisieren oder auslagern sollte, was viel Aufwand bedeutet, aber wenig bringt. Bei der Vorstellung, nur noch automatisierte E-Mails zu versenden, um keine Zeit für persönliche Nachrichten zu verschwenden, wurde mir bewusst: Ich will das nicht. Mag sein, dass ich mir mit jeder automatisierten Nachricht zwischen 5 und 20 Minuten spare. Aber ich möchte jede Mail einzeln schreiben und verschicken. Und wenn sie noch so unwichtig ist.

Wo es mir schon beim Schreiben von E-Mails so geht, wird klar, dass es beim Texten noch viel schlimmer sein muss. Ich kann mir zwar per Prompt und Enter einen seitenlangen Text erstellen lassen. Viele werden nicht einmal bemerken, dass dieser KI-generiert ist. Aber ich spüre es mit jeder Faser. Mich irritiert jede Formulierung, die ich nicht verwendet hätte. Mich juckt jede Wiederholung. Mich nervt jede Plattitüde und jede Worthülse.

Es ist einfach nicht mein Text. Ich kann noch so lange daran herumschleifen, um ihn mehr nach mir klingen zu lassen, aber so ganz gelingt das nie. Nun stellt sich die Frage, wie viel Sinn es macht, KI zu verwenden, wenn ich nachher selbst noch so viel Hand anlegen muss – womit wir wieder beim Thema Effizienz wären …

Aber jetzt bin ich ganz ineffizient abgeschweift. Denn KI sollte gar nicht das Thema dieses Artikels sein. Eigentlich wollte ich erklären, was mir an der Effizienz so sehr missfällt.

Ich habe lange darüber nachgedacht, was es sein könnte. Logisch betrachtet ist es ja dumm, nicht effizient zu arbeiten. Trotzdem ist es mir lieber. Und ich weiß jetzt auch warum: Wenn ich etwas effizient mache, dann heißt das, dass ich möglichst schnell fertig werden will, damit ich Zeit für etwas anderes habe. Aber mir macht es Spaß zu schreiben und ich möchte mich nicht hetzen, nur um mich danach etwas anderem widmen zu können.

In meinen Augen ist Effizienz etwas für Leute, die ihre Arbeit nicht mögen. Denn wenn ich mit etwas möglichst schnell fertig sein will, dann ist es ja etwas, das mir mühsam und lästig ist und ich froh bin, wenn es endlich vorbei ist. Doch das ist bei mir ganz anders.

Ich liebe es, ganz ineffizient vor mich hinzuarbeiten. Ich lasse keinen Stoßseufzer, wenn ich abends mein Werk getan habe und endlich meinen Rechner ausschalten kann (tatsächlich schalte ich meinen Rechner so gut wie nie aus, was aber auch etwas mit Bequemlichkeit zu tun haben könnte).

Mein Tag ist nicht durchgetaktet. Ich arbeite, mache kurz etwas anderes, arbeite wieder, mache wieder etwas anderes … So gesehen beginnt mein Arbeitstag oft schon um 5 Uhr morgens und endet oft erst um 22 Uhr. Nur dass ich eben nicht effizient durcharbeite, meine Mittagspause mache und dann effizient bis zum Feierabend weiterarbeite. Nein, ich „verplempere“ meine Zeit – und ich fühle mich sehr wohl dabei und damit.

In einer Festanstellung wäre eine solche Arbeitsweise nicht möglich. Aber als Selbständige habe ich den Luxus, meine Zeit so einzuteilen, wie ich will. Ich möchte nicht A schnell hinter mich bringen, damit ich zackig mit B anfangen kann, um dann endlich C abzuhaken.

Meine Arbeit hat keinen Anfang und kein Ende. Sogar die Wochenenden sind mir nicht heilig. Nicht, weil ich ein Workaholic bin oder chronisch überlastet. Ich möchte mir einfach die Zeit nehmen, um alles in meinem Tempo zu machen. Dafür reichen die Werktage oft nicht aus. Aber das macht nichts, weil ich mich unter der Woche ja nicht abhetze, damit ich Samstag und Sonntag dann endlich Freizeit habe. Oder am besten noch nur vier Tage die Woche arbeite, damit ich mich an den restlichen drei Tagen von meiner Arbeit erholen kann.

Ich schreibe für mein Leben gern. Ich muss mich nicht einige Tage ausruhen, damit ich wieder Lust und Energie habe, etwas zu texten.

Vielleicht habe ich einfach nur Glück gehabt, dass ich eine Arbeit gefunden habe, die mir wirklich Spaß macht. Aber ich könnte mir auch vorstellen, dass es eine Einstellungssache ist. Spontan ist mir das Wort „Achtsamkeit“ eingefallen. Ich mag es ja eigentlich nicht so gerne, weil es so lange in aller Munde war, dass es jetzt wirklich ausgelutscht ist. Aber es trifft eigentlich sehr schön das, was ich mache: achtsam texten.

Foto von Dorota Dylka auf Unsplash


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