Konzeption & Text. Sandra Cremer



Sprachverliebt

8. Februar 2024

Für viele ist Sprache nur Mittel zum Zweck. Für mich ist Sprache ein Spielplatz, auf dem es immer etwas Neues zu entdecken gibt.

Ich bin begeistert, wenn ich einen Ausdruck höre, den ich vorher noch nicht kannte. Wenn ich im Englischen ein Wort lese, für das es im Deutschen keine Entsprechung gibt, freue ich mich wie ein kleines Kind. Und wenn mir beim Schreiben wirklich peinliche Wortspiele einfallen, muss ich heimlich kichern. Ein Pumuckl-Gedicht hat für mich den gleichen Wert wie ein literarisches Werk.

Manchmal bin ich aber auch sehr spießig, was die Sprache angeht. Wenn jemand in einem Gespräch ein falsches Wort benutzt, kann ich nicht mehr zuhören, bis ich das richtige Wort gefunden habe. Wenn ich geschäftliche E-Mails mit vielen Fehlern lese, frage ich mich: Kannst du es wirklich nicht besser oder gibst du dir einfach keine Mühe? Bei Büchern oder Zeitschriften ist es noch schlimmer. Wenn ich in kurzer Zeit mehrere Fehler entdecke, kann ich den Text nicht weiterlesen, weil sich alles in mir dagegen sträubt.

Wie passt das zusammen? Das Verspielte und das Verspießte? Wenn man bewusst mit Konventionen bricht, kann das lustig und spannend sein. Wenn man es aber aus Unvermögen oder Nachlässigkeit tut, kann ich das nicht gutheißen.

Bevor jetzt Kritik auf mich einprasselt: Natürlich weiß ich, dass es viele Menschen gibt, die eine Lese-Rechtschreib-Schwäche haben oder deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Aber wenn man mit Schreiben seinen Lebensunterhalt verdient, sollte man das schon können. Leider erlebe ich oft das Gegenteil.

PS: Foto von Shaira Dela Peña auf Unsplash

Wer will mich?

9. Januar 2024

Meinen Umzug nach Berlin haben alle schnell registriert und akzeptiert. Sagte ich alle? Na ja, nicht ganz. In den Finanzämtern mahlen die Mühlen etwas langsamer. Nicht nur in Berlin. Sondern auch in Bayern.

Das Finanzamt Miesbach weigert sich seit gut einem halben Jahr beharrlich, meine Adressänderung anzuerkennen. Trotz mehrfacher Briefe, E-Mails und Telefonate gehen alle Schreiben an meine alte Adresse. Ich habe die Hoffnung, dass die Beamten inzwischen ihren Abschiedsschmerz überwunden haben. In letzter Zeit kommt nichts mehr. Das kann aber auch daran liegen, dass der Nachsendeauftrag abgelaufen ist.

Das Finanzamt Berlin wiederum will mich partout nicht als neuen Steuerzahler haben. Alle Versuche, eine neue Steuernummer zu bekommen, sind kläglich gescheitert.
Hier hilft nichts anderes, als noch sturer zu sein als die Ämter. Das bin ich gewohnt. Als ich von Baden-Württemberg nach Bayern gezogen bin, hatte ich das Gezeter schon einmal. Wenn ich mich recht erinnere, hat es damals fast zwei Jahre gedauert, bis mich das System richtig eingeordnet hatte.

Nun bin ich ein geduldiger und verständiger Mensch. Aber leider brennt es mir jetzt ein bisschen unter den Nägeln. Denn ich brauche dringend eine Ansässigkeitsbescheinigung. Das Problem: Diese Bescheinigung muss mein zuständiges Finanzamt ausstellen, und auf dem Formular muss ich neben meiner Steuer-ID auch meine Steuernummer eintragen.

Zunächst rufe ich beim Berliner Finanzamt an und schildere den Sachverhalt. Eine nette Dame versichert mir, dass sie gerne einen Stempel auf mein Formular setzt und ich einfach meine alte Steuernummer eintragen soll. O-Ton: Das merkt doch keiner, dass das keine Berliner Steuernummer ist. Außerdem teilt sie mir mit, dass das Finanzamt Miesbach ihr noch keine Unterlagen geschickt hat und sie mir deshalb keine neue Steuernummer geben kann.

Also rufe ich beim Finanzamt Miesbach an, um ein bisschen Dampf zu machen. Dort erfahre ich, dass ich in Miesbach nicht mehr geführt werde – ein Fortschritt! Nur leider ist die bayerische Dame der Meinung, dass sie erst eine Steuernummer aus Berlin bekommen muss, bevor sie meine Unterlagen verschickt. Außerdem ist sie eher skeptisch, was die Angabe einer nicht mehr existenten Steuernummer angeht.

Da die Zeit drängt, verlasse ich mich auf die Aussage der Dame in Berlin. Doch dann komme ich ins Grübeln: In 5 Wochen ist Stichtag. Ich muss das Formular an das Berliner Finanzamt schicken, die das Formular an mich und ich das Formular an meine Bank. Drei Postwege – das kann nicht gut gehen! Kürzlich habe ich einen Brief bekommen, der gute 4 Wochen unterwegs war. Und ich glaube, der Schnitt liegt inzwischen bei 1 Woche.

Um einen der Postwege zu sparen, bringe ich den Brief also persönlich im Finanzamt vorbei. Am liebsten würde ich ihn direkt der zuständigen Dame geben (wer weiß, wie lange die Hauspost dauert?), aber man lässt mich nicht passieren.

Wie die Geschichte ausgeht? Ich stecke noch mittendrin. Meine Sachbearbeiterin ist krank und niemand kann mir Auskunft geben …

I’ll keep you posted!

 

Foto von charlesdeluvio auf Unsplash

Jetzt wird’s aber Zeit!

19. Dezember 2023

Die eigene Seite ist das ewige Stiefkind. Wenn man die Muse hat, sich darum zu kümmern, ist die Auftragslage mau. Meinen guten Vorsatz, jeden Monat wenigstens einen Blogbeitrag zu schreiben, habe ich nicht eingehalten. Aber was soll das Heulen und Zähneklappern? Das nächste Jahr steht schon vor der Tür. Es ist also Zeit, die alten Vorsätze zu kicken und sich neue zu verpassen. Was also nehme ich mir vor für 2024? Gar nichts und ganz viel. Flexibel und spontan zu sein ist viel erstrebenswerter, als sich an strikte Pläne zu halten. Zumindest soweit es einen selbst betrifft.

In diesem Sinne: Euch allen wunderbare Weihnachten und ein prickelndes neues Jahr!

PS: Das Bild hat keinerlei Bezug zum Artikel. Es hat mir einfach nur gefallen. Besten Dank an Arno Senoner!

Spielen wir „Werbung raten“?

27. Oktober 2023

 


Wie ich eigentlich zur Werbung gekommen bin? Ich könnte jetzt die tollsten Geschichten erzählen … Aber hier kommt die profane Wahrheit: Schon als kleine Kinder haben mein Bruder und ich „Werbung raten“ gespielt. Das heißt, wir saßen gebannt vor dem Fernseher und guckten „Reklame“. Für jede richtig erratene Marke gab es einen Punkt. Natürlich nur, wenn man der Schnellere war. Da die Anzahl verschiedener Spots damals noch recht überschaubar war, erkannten wir sie in Bruchteilen von Sekunden. Es reichte die erste Einstellung oder der erste Ton. Zack, kam wie aus der Pistole geschossen die richtige Antwort. Heute würde sich das aufgrund des Überangebots auf allen Kanälen schon deutlich schwieriger gestalten. In Zeiten von Klementine, Frau Antje und Herrn Kaiser war das durchaus machbar. Wobei wir schon verdammt gut waren! By the way: Storytelling gab es da auch schon. Hat nur keiner so genannt.

Im Bild zu sehen ist die Texterin in spe (man beachte den Buchstaben-Pulli!).

Meine lieben Evergreens!

21. September 2023

Auf XING habe ich aktuell 822 Kontakte. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass ich die Plattform (die damals noch OpenBC hieß) seit 2005 nutze. Weil ich nie wahllos eine Anfrage angenommen oder versendet habe, ist mein Netzwerk organisch gewachsen. Und ich schaue immer wieder bei meinen alten Freunden vorbei. Manche Lebenswege verfolge ich also schon seit 18 Jahren.

Über sieben Brücken musst du gehen

In so einer langen Zeit passiert viel: Meine Kontakte haben geheiratet oder sie haben sich scheiden lassen. Sie haben Kinder bekommen oder sie haben diese ausziehen lassen. Sie haben den Job gewechselt oder sogar die Branche. Sie haben berufliche Höhenflüge erlebt oder Niederlagen einstecken müssen. Sie haben sich selbstständig gemacht oder (schweren Herzens) wieder anstellen lassen. Sie haben ein Sabbatical genommen, sie sind in Elternzeit gegangen oder gar in den Ruhestand. Sie sind ins Ausland gezogen oder in die alte Heimat zurückgekehrt. Sie haben zu- oder abgenommen. Sie haben Haare verloren oder sich einen Bart wachsen lassen. Sie sind ergraut oder erblondet. Sie haben sich vom Typ her völlig verändert (bis hin zur Geschlechtsumwandlung) oder sind (verdächtig) gleich geblieben.

Du entschuldige i kenn di

Ich sehe, ob jemand seit meinem letzten Besuch sein Profilbild erneuert hat. Ich weiß, wer zu LinkedIn umgezogen ist, wer zweigleisig fährt oder wer XING trotz allem hartnäckig treu bleibt. Hin und wieder schreibe ich meinen alten Freunden auf ihrer bevorzugten Plattform, aber nicht so oft, dass es lästig wird. Mal gratuliere ich, mal habe ich etwas Neues zu berichten, aber manchmal will ich einfach nur wieder von mir hören lassen. Vielleicht hast auch du, lieber Kontakt, vor kurzem eine Nachricht von mir bekommen. Ich hoffe, du hast dich darüber gefreut!

Deine Spuren im Sand

Wenn mich nicht alles täuscht, gibt es mein LinkedIn-Profil schon genau so lange wie meinen XING-Account. Damals war aber ganz klar: LinkedIn ist nur international gesehen interessant. Wir Deutschen bleiben lieber auf unserer eigenen Plattform. In den letzten Jahren hat sich das grundlegend geändert. XING stirbt. Leider selbst verschuldet. Ich muss zugeben, dass ich am Grab kräftig mitgeschaufelt habe (und weiter schaufle). Aber erst seitdem ich erkannt habe, dass es hoffnungslos ist. Die Leistungen werden sukzessive schlechter. Meinen Premium-Account habe ich darum schon vor einiger Zeit gekündigt. Aber 18 Jahre sind einfach eine verdammt lange Zeit. Da kann man schon ein bisschen sentimental werden, finde ich.

🎶 „Lu le lu le lu la, Lu le lu le lu la. Was ist mir nur geblieben? Nur die Sehnsucht nach dir …“ 🎶

PS: Foto von Samantha Lam auf Unsplash

Sexy wie Mallorca-Akne

16. August 2023

Es lebe die Postkarte!

Postkarten, oder „Pokas“ wie ich sie zärtlich nenne, sind etwas Wunderbares. Heute haben sie leider Seltenheitswert. Bevor es Social Media und Smartphones gab (ich war da tatsächlich schon geboren!), bekam man sie von seinen Liebsten, die gerade Urlaub machten. Im Gegensatz zu einer Nachricht von WhatsApp und Co. waren sie nicht im Bruchteil einer Sekunde beim Empfänger. Meist dauerte es mehrere Tage oder gar Wochen, so dass sie oft später ankamen als der Absender. Manche verschwanden sogar für immer.

Wetter schön, Hotel gut …

Trotz der mangelnden Aktualität und der meist potthässlichen Gestaltung freute man sich über die papiernen Grüße. Inhaltlich gesehen waren sie zwar ähnlich gehaltvoll wie die heutigen digitalen Kurznachrichten (Wetter schön, Hotel gut, super Essen). Dennoch hatte man das Gefühl: Da hat jemand an mich gedacht und sich die Mühe gemacht, mir zu schreiben. Schließlich musste der Absender einige Schritte unternehmen: Laden ausfindig machen, Karte aussuchen, beschreiben, mit Briefmarke bekleben, Briefkasten suchen, einwerfen. Selbst wenn man den Prozess rationalisierte, war es doch ein nicht unerheblicher Aufwand (nix da Copy & Paste oder Gruppenchat!). Auf jeden Fall kann ein Foto mit Bildunterschrift nicht im Ansatz damit konkurrieren.

Kursivschrift auf Schockfarben

Noch weniger liebevoll sind Urlaubs-Posts auf Social-Media-Kanälen. Alle bekommen exakt das Gleiche zu sehen. Ob der Postende dabei an eine bestimmte Person gedacht hat? Wohl kaum. Hier geht es eher um ein ganz allgemeines „Schaut mal alle her: Ich bin im Urlaub und habe eine geile Zeit – und ihr nicht.“ Bei den klassischen mehrteiligen Foto-Motiven mit Kursivschrift auf Schockfarben, die überfüllte Strände und Betonhotelburgen zeigten, hielt sich der Neid dagegen in Grenzen. Die waren so sexy wie Mallorca-Akne.

Stift statt Finger

Ich gehe davon aus, dass das Gros der (vor Ort gekauften) Urlaubspostkarten heute nicht wesentlich schöner ist. Aber da ich keine mehr bekomme und keine mehr schreibe, kann ich das schwer beurteilen. Ob hässlich oder nicht: Es wäre doch nett, wenn wir statt des Fingers hin und wieder den Stift zücken würden. Aber nicht vergessen: Vor dem Urlaub noch die Postanschrift in Erfahrung bringen! Vielleicht habt ihr ja alle Adressen im Kopf oder zumindest digital gespeichert. Ich nicht. Und wenn man erst auf der Pool-Liege danach fragt, ist die Überraschung dahin.

PS: Prompt ploppen vor meinem inneren Auge die Urlaubsposts meiner Freunde und Bekannten auf. Nehmt mir meine Worte bitte nicht übel. Ich gönne euch natürlich eure geile Zeit!

Bild von teksomolika auf Freepik.com

 

 

Abenteuerspielplatz, Bergstiefel, Chemielabor …

18. Juli 2023
Mach mich nicht Schach

Wer zu den Glücklichen gehört, die selig jede Nacht durchschlafen, braucht nicht weiterzulesen. Für den ist dieser Artikel uninteressant. Als Kind und Jugendlicher konnte ich das auch: Hinlegen, wegpennen, beliebig lang schlafen und fit wieder aufstehen. Die Zeiten sind leider schon lange vorbei. Heute muss ich mir immer wieder neue Tricks ausdenken, um nachts nicht stundenlang wach zu liegen (hüpfende Schafe sind nicht so meins). Eine Weile habe ich es mit „Schachspielen“ versucht. Diese Idee stammt allerdings nicht von mir, sondern von meinem ehemaligen Aikido-Lehrer: Man stellt im Kopf die Figuren für ein Schachspiel auf und packt sie danach wieder weg. Das muss natürlich ganz ruhig und sorgsam (von mir aus auch achtsam) geschehen. Am besten malt man sich das Ganze sehr detailreich aus: wie die Schachfiguren aussehen, wie die Schachtel, in die man sie legt, usw. Diese Methode funktionierte einige Wochen oder sogar Monate erstaunlich gut. Aber dann hatte sie sich abgenutzt. Es musste also etwas Neues her …

Bräsige Berta

Ich wechselte zu Namen nach dem ABC, entweder weiblich oder männlich. Also Anne, Berta, Christine usw. Der Trick bestand darin, immer wieder neue Namen zu finden (was bei manchen Buchstaben schwierig ist). Schließlich geht es darum, den Kopf so zu beschäftigen, dass er nicht auf dumme Gedanken kommt. Auf der anderen Seite muss die Aufgabe halbwegs einfach sein, sonst wird man zu wach davon. Irgendwann wurde es aber langweilig. Die nächste Stufe war also das Ergänzen von Adjektiven: arme Anne, bräsige Berta, charmante Christine usw. Das ABC der Namen mit Adjektiven hatte auch nur eine begrenzte Haltbarkeit. Weitere Varianten waren Obst- oder Gemüsesorten, Sportarten, Stadt-Land-Fluss … Leider alles irgendwann fad.

Das fiese C

Meine jetzige Methode sind zusammengesetzte Substantive. Den Anfang macht immer der Abenteuerspielplatz, dann folgen möglichst immer wieder neue Wörter: zum Beispiel Bergstiefel, Chemielabor etc. oder Bällebad, Chitinpanzer. Auch hier gibt es wieder fiese Anfangsbuchstaben. Bereits beim C hakt es recht schnell, deshalb sind Wiederholungen erlaubt. Aber, wie sollte es auch anders sein: Es klappt nicht mehr so richtig, weil inzwischen selbst die häufigen Anfangsbuchstaben schon zu sehr verbraucht sind. Jetzt stehe (bzw. liege) ich dumm da – ein neuer Trick ist überfällig!

M wie Morpheus

Ich würde mich sehr freuen, liebe Leser, wenn ihr eure Einschlafideen mit mir teilt. Wenn sie für mich nichts sind, dann vielleicht für einen Leidensgenossen?!

Bitte keine „Stress-vermeiden-Tipps“. Woher Einschlafprobleme kommen, ist mir bekannt. Wenn ich Stress vermeiden könnte oder wollte, dann würde ich es tun. Also bitte etwas Kreativeres 😉

Mach’s gut, Meine kreative Welt!

1. Juni 2023

9 Jahre lang habe ich für dich geschrieben. Ich habe mit dir gestrickt, gehäkelt, genäht, gebastelt, gebacken, gekocht, gezeichnet, gewerkelt etc. Auch wenn du manchmal anstrengend warst – wir hatten eine tolle Zeit miteinander! Aber jetzt wirst du eingestellt. Das macht mich schon ein bisschen traurig. Normalerweise wäre ich gerade dabei, deine ersten Artikel zu verfassen. Zum Glück bin ich sehr eingespannt mit meinen anderen Jobs und mit meinem Umzug. So kann ich mich damit trösten, dass es mir das Genick gebrochen hätte, wenn ich mich auch noch um dich hätte kümmern müssen. Irgendwann muss man immer Abschied nehmen. Und dann lieber im Guten, als dass man wartet, bis man sich furchtbar auf die Nerven geht! Ich werde dich vermissen! Deiner Grafikerin Petra Schmidt und Jürgen Ernst vom frechverlag geht es nicht anders. Aber ich bin mir sicher, dass du in den Kundenmagazin-Himmel gekommen bist! Du hast es verdient!

Deine Texterin Sandra

Bye-bye, Bayern – Bussi, Bärlin

26. April 2023

Hier und da habe ich es schon durchsickern lassen: Am 9. Juni breche ich meine bayerischen Zelte ab und ziehe nach Berlin. Keine Sorge: Ich vermeintliches Landei werde in der großen Stadt nicht überfordert oder verloren sein. Dass ich als gebürtige Münchnerin überhaupt auf dem Dorfe gelandet bin, ist allein dem Zufall geschuldet. Berlin ist für mich außerdem kein unbekanntes Pflaster, sondern meine zweite Heimat, seit ich Bussi-Bär lesen kann (Google hat mir eben verraten, dass es dieses Heftchen tatsächlich noch gibt).

BVG schlägt MVV

Was ich neben meinem Sohn, meinen Freunden und Bekannten (und dem TSV 1860) noch vermissen werde, ist der Blick auf die Berge. Zum Skifahren oder Wandern muss ich dort nicht hin. Aber zum Anschauen sind sie wirklich wunderschön – und jeden Tag anders! Was ich nicht vermissen werde, ist, für jede noch so kleine Besorgung ins Auto steigen zu müssen – und der Gnade des MVV bzw. der BRB ausgeliefert zu sein. Ein Berliner würde mir wahrscheinlich widersprechen, aber für mein subjektives Empfinden ist die BVG deutlich zuverlässiger. Außerdem kann man nicht nachts irgendwo stranden und nur per horrend teurem Taxi nachhause kommen.

Falafel ohne Ende

Der Verlust der bayerischen Küche ist für mich als Vegetarier leicht zu verkraften. Zumal es in Berlin auch diese gibt, ebenso wie die verschiedensten nach dem Reinheitsgebot gebrauten Biere. Augustiner und Tegernseer sind im Späti längst Standard und selbst weniger bekannte bayerische Landbiere sind dort zu finden. Ich muss mich also nicht mit den (zugegebenermaßen meist greisligen) Berliner Bieren trösten. Und um auf das kulinarische Angebot zurückzukommen: Für die schier unendliche Falafel-Vielfalt lasse ich gerne jeden Semmelknödel mit Schwammerln stehen. Sollte es mich doch einmal nach etwas anderem gelüsten, habe ich fußläufig zig Lokale verschiedenster Nationalitäten. Verhungern werde ich garantiert nicht.

Alles wie gehabt

Da meine Kunden mich nur äußerst selten „in echt“ sehen, müssen sie mich auch nicht vermissen. Kontaktart und -frequenz bleiben gleich. Für die meisten wird es gar keinen Unterschied machen, weil ich sie noch nie getroffen habe. Home-Office ist inzwischen ohnehin im Mainstream angekommen. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, in denen ich das Zuhause-Arbeiten lieber verschwiegen habe, um nicht unprofessionell zu wirken. Dabei hatte ich nur ganz am Anfang meiner Selbständigkeit zusammen mit einer Freundin ein externes Büro (also vor langer langer Zeit). Aber immerhin tippe ich nicht am Küchentisch, sondern in einem extra dafür vorgesehenen Raum. Und das bleibt auch so.

Aber liebe Leser, ihr dürft mir trotzdem gutes Ankommen und viel Glück wünschen. Das kann man immer brauchen!

 

Ohne AI kein KIDO

10. Februar 2023

Ich habe ChatGPT nach einem guten Thema für einen Blog-Artikel gefragt. Nach einer Reihe sehr allgemeiner Vorschläge kam folgende Empfehlung: „the best topic […] depends on your interests and expertise“. Eine sehr weise Antwort. Ohne AI wäre ich da nie drauf gekommen! Um die Idee nicht nur zu kopieren, füge ich der AI noch ein KIDO hinzu.

Wie es der Zufall (oder der Mann) will

Zum Aikido bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Mein Mann hatte sich darüber informiert und sich zum Probetraining angemeldet. Irgendwann wurde mir klar: Ach, du Scheiße, der will ja, dass ich da mitkomme! Sehr widerwillig erklärte ich mich dazu bereit. Meine Berührungspunkte mit Kampfsport bzw. -kunst beschränkten sich zu diesem Zeitpunkt auf eine kurze Judo-Episode im frühen Kindesalter. Verbunden mit einer unangenehmen Erinnerung, eher einer dunklen Ahnung. Denn ich weiß gar nicht mehr, was damals vorgefallen ist, bzw. warum mir der Gedanke daran so ein Unbehagen bereitet.

Entschuldigung, mein Hirn ist voll

Wie dem auch sei, ich biss die Zähne zusammen und ging mit meinem Mann hin. Schon beim Seiza (Kniesitz) merkte ich, dass mein vom Joggen lädiertes Knie Zicken machte. Ich dachte gleich, dass das wohl nichts für mich ist. Aber dann ging es an die Techniken und ich war angefixt. Doch nach ca. einer Stunde Training musste ich aufhören. Nicht wegen meines Knies oder wegen mangelnder Fitness. Mein Hirn war voll!

Zärtlich oder zupackend

Dieses erste Training ist nun schon fast 7 Jahre her und ich bin immer noch mit großer Begeisterung dabei. Was mir am Aikido so gut gefällt? Zunächst einmal, dass es keinen Wettkampf gibt. Keine Sieger und keine Verlierer. Es sind nur zwei Menschen, die zusammen trainieren. Derjenige, der angreift, liegt nachher auf der Matte. Dann werden die Rollen getauscht. Weil die Partner wechseln, ist das Training nie gleich. Man stellt sich jedes Mal neu auf den anderen Menschen ein. Der eine mag es lieber sanfter, der andere lieber etwas härter. Beides hat seinen Reiz.

Mit oder ohne

Anfänger und Fortgeschrittene trainieren gemeinsam. Denn sie können beide voneinander lernen. Optisch unterscheiden kann man sie (zumindest bei uns) nur daran, ob sie einen Hakama (eine Art schwarzer Hosenrock) über dem weißen Anzug tragen oder nicht. Diesen darf man erst anziehen, wenn man ein gewisses Level erreicht hat – den ersten Kyu. Ich persönlich darf noch nicht, weil ich erst den zweiten habe. Zur Erklärung: Während bei den Kyus die Ordnungszahl absteigt, steigt sie bei den Danen wieder auf. Da wir in unserem Dojo keine verschiedenen Gürtelfarben haben (bzw. nur weiß und schwarz), sehen die Aikidokas bis zum ersten Kyu alle gleich aus. Wer noch keinen Hakama hat, genießt „Welpenschutz“. Hat man einen, darf der Partner auch etwas fester zupacken.

Nur keine Panik!

Aber wie wird man ein „Kampfhund“, wenn es keine Wettkämpfe gibt? Dafür gibt es die sogenannten Graduierungen. Auch wenn wir selbst oft von Prüfungen sprechen, so sind es doch keine. Der Trainer meldet einen erst an, wenn er überzeugt ist, dass man es schafft. So groß also das Herzklopfen an diesen besonderen Tagen auch sein mag: Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn man nicht seinen Stempel in den Pass bekommt. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die sind so selten, dass man sie vernachlässigen kann.

Zu alt gibt’s nicht

Gut gefällt mir auch, dass die Truppe bunt gemischt ist. Männlein trainiert mit Weiblein, Groß mit Klein, Alt mit Jung. Und mit alt meine ich nicht 35+, so wie in manchen anderen Sportarten. Aikido kann man praktisch sein ganzes Leben lang betreiben. Obwohl es sowohl körperlich als auch mental anspruchsvoll ist.

Ab auf die Matte!

Ich freue mich also auf viele weitere Jahre Aikido. Wenn ich dranbleibe, werde ich wohl irgendwann ein Hakama-Träger sein. Wovor mir allerdings ein bisschen graut. Denn das Zusammenlegen dieser Beinkleider ist kompliziert und zeitaufwendig. Da hüpfe ich doch gerne noch ein bisschen in meinem Anzug durch das Dojo. Ich muss mir ja auch gut überlegen, ob ich schon bereit dafür bin, dass mich jemand mit Schmackes auf die Matte pfeffert.

PS: Das Ai von AIKIDO bedeutet übrigens Harmonie, das Ki Lebensenergie und das Do Lebensweg.

PPS: Kleiner Insider-Joke für Aikidokas: Meine beiden Katzen heißen Shomen und Uchi.